Hören ist Physik, Zuhören ist Psychologie
Wir sind Gesellschaften von Sender:innen geworden. Aber hören wir einander wirklich zu? Und: Wann geht Zuhören tiefer, als im Gespräch mit einem anderen Menschen ab und an zustimmend zu nicken?
Es tut Menschen unendlich gut, wenn sie mit anderen sprechen und wahrnehmen, dass sie ihnen wirklich zuhören; Dass sie mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit bei der sprechenden Person sind; dass sie präsent sind. Und wir wissen es auch anderen Bereichen, etwa aus Therapie und Coaching oder auch von intensiven Situationen wie Sterbebegleitung oder Telefonseelsorge. Menschen entspannen und öffnen sich, wenn sie merken, dass sie wahrgenommen und wohlwollend aufgenommen werden.
Was steckt hinter dem Satz „Hören ist Physik, Zuhören ist Psychologie“? Hören ist der Prozess, bei dem Schallwellen in Impulse verwandelt werden, die das Gehirn verarbeiten kann. Für jeden Menschen, der keinen Hörschaden hat, ist das ein unwillkürlicher Prozess. Zuhören dagegen ist weniger banal. Während wir einem anderen zuhören, kann es im eigenen Inneren turbulent, ja: laut zugehen. Wir reagieren innerlich auf das Gesagte: „Ja, das kenne ich auch, das habe ich da und da erlebt…“ – und Schwups sind wir mit der Aufmerksamkeit nicht mehr hundertprozentig im Moment. Vielleicht kennen Sie das aus der Meditation: Äußerlich sitzt man still, innerlich schweift man ab in die Vorbereitung eines bevorstehenden Meetings. Was auch oft passiert: Wir gehen unbewusst in Widerstand oder Abwehr zu dem, was wir gerade hören („da bin ich aber gaaanz anderer Meinung“, haben ein Aber (das Repertoire von Gegenargumenten) oder bewerten die Aussagen („wie banal / blöd / unhaltbar / … ist das denn!“).
Für den MIT-Professor Otto Scharmer sind tiefe Formen des Zuhörens ein elementarer Bestandteil von Prozessen echter Transformation. Im Podcast-Gespräch „Grenzenloses Eventdesign“ unterschied er vier Stufen:
- Downloading: Wir hören nur das, was wir ohnehin schon wissen oder erwarten. Neues wird ausgeblendet. Das kann sich auf der inneren Tonspur so anhören: „Kenn ich schon.“ Das ist nicht per so schlecht, so Scharmer, aber diese Form der Kommunikation verändert nichts, es findet kein echtes Lernen statt.
- Faktisches Zuhören: Man hört mit offenem Verstand zu, entdeckt Unterschiede zu dem, was man bisher wusste oder glaubte. Innerer Monolog: „Oh, das ist ja anders als ich dachte.“ Ein erstes Aufbrechen von Gewissheiten.
- Empathisches Zuhören: Wir versetzen uns in den Anderen, fühlen uns in seine Sichtweise ein, bekommen ein tieferes, gegenseitiges Verständnis. Auch für die Motive, Werte und Gefühle – sowohl des anderen als auch in mir selbst. „Ich fühle, was du meinst.“ Diese Haltung zeichnet echte Dialoge aus, in dem sich Ich und Du begegnen.
- Generatives Zuhören: Im Raum zwischen Sprechenden und Zuhörenden zeigt – durch Resonanz in der Begegnung – etwas Neues, vielleicht Unerwartetes. „Was will hier gerade entstehen?“ Für Wandelprozesse ist diese Form der Kommunikation die fruchtbarste.
Viele Veranstaltungen nehmen für sich in Anspruch, dass sie Lern- und Transformationsprozesse anstoßen wollen. In solchen Kontexten ist es unsere Aufgabe als Eventdesigner:innen und Moderator:innen, Formate für vertieftes Zuhören anzubieten. Das können kurze „Murmelrunden“ sein (schneller Austausch von zwei, drei Teilnehmenden z.B. zu dem gerade gehörten Vortrag) oder Kreisdialoge nach David Bohm/Martin Buber. Die äußeren Regeln sind wichtig (jeder bekommt genug Redezeit; den anderen nicht unterbrechen; …), aber entscheidend ist nach meiner Erfahrung der Appell an das „innere Hören“ der Teilnehmenden. Sprich: Wir laden ein zu einer Haltung von offenem Verstand und offenem Herzen, zum Kurzzeitparken von eigenen Bewertungen, von Konzentration auf und Präsenz für den anderen.
Dann entsteht auf einfache, manchmal magisch anmutende Weise aus Ich und Du zwangsläufig ein neues Wir.