Abstraktes Bild mit 2 Denkern von Rodin

© Bert Odenthal

Von Dichtern und Denkern zu Künstlerinnen und Machern

Wie finden wir zu einer anderen Kultur des Entscheidens und Handelns? Ein persönlicher Blick auf Zukunftsbilder, künstlerische Prozesse, die Kraft des Anfangs und glückliches Scheitern.

In den letzten drei Jahren taucht immer wieder dieselbe Frage auf: Wäre es nicht sinnvoll, ein gemeinsames gesellschaftliches Leitbild oder Zukunftsbild zu haben? Ja – das wäre es. Und es würde sich wirklich lohnen, so etwas ernsthaft zu entwickeln.

Mich hat das sehr beschäftigt, als ich vom kanadischen Leitbild hörte: „United in Diversity“. Ein kanadischer Gesprächspartner sagte mir vor etwa einem Jahr einen Satz, der hängen geblieben ist: „Was da nicht reinpasst, wird einfach nicht gemacht.“ Das klingt schlicht – ist aber ziemlich konsequent. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, welches Zukunftsbild für uns ein guter Kompass und ein echtes Commitment sein könnte. Vielleicht würde Politik dann auch weniger „rumeiern“ als im Moment.
Und ja, ich weiß: „United in Diversity“ ist auch das offizielle Motto der EU. In Kanada wird dieser Satz jedoch weniger beschworen als gelebt. Vielfalt gilt dort ganz selbstverständlich als Reichtum.

Ich glaube allerdings, wir brauchen noch etwas Zweites – genauso dringend: eine andere Kultur des Entscheidens und Handelns. Meine Frau kommt aus Korea, und im Alltag beobachten wir immer wieder eine Situation, die wir irgendwann in einer kleinen Zwei-Satz-Geschichte verdichtet haben: „Koreaner laufen zwar manchmal erst einmal in die falsche Richtung los, jedoch merken sie es, korrigieren sich – und sind schnell am Ziel. Deutsche sitzen währenddessen oft noch im Kreis und diskutieren, was wohl die beste Lösung wäre.“
Wie gut wäre es, das Beste aus beiden Kulturen zu verbinden: loszugehen – wenigstens ungefähr in die richtige Richtung –, aus Fehlern schnell zu lernen, nachzubessern und voranzukommen. Das ist nicht leicht. Es braucht Mut, eine echte Fehlerkultur und die Bereitschaft, sich auf lebendige Prozesse einzulassen.

Schauen wir auf Künstler:innen.
Für mich ist dieser Blick kein theoretischer: Ich habe Kunst studiert und war lange überzeugt, selbst diesen Weg zu gehen – als Künstler, nicht als Grafikdesigner. Der Prozess künstlerischer Arbeit ist viel lebendiger, als viele denken. Am besten lässt sich das am Beispiel eines Malers zeigen.

Am Anfang stehen eine leere Leinwand, ein Gedanke, Farbe, Material, Erfahrung – und der erste Strich. Der Maler beobachtet, was unter seinen Händen entsteht. Farbschichten kommen hinzu, andere verschwinden wieder. Das Bild verändert sich ständig, um wachsen zu können. Und ja: Es ist völlig normal, dass auch schöne Stellen wieder unter Farbe verschwinden. Tut das weh? Manchmal.

Dieser Prozess ist offen, intuitiv, voller Energie – und nicht selten risikoreich. Scheitern gehört dazu. Manchmal führt es sogar zu etwas Besserem. Im fertigen Bild sehen wir als Betrachter:innen all die Energie, die hineingeflossen ist. Sie gibt mir viel – diese Energie in Bildern. Und ich glaube, damit bin ich nicht allein.
Wir brauchen Mut, Offenheit und die Bereitschaft, genau hinzuschauen, was passiert, während wir gestalten. Das verbindet uns mit Künstler:innen – und eigentlich täte es uns allen gut. Ich selbst arbeite heute als Designer in kokreativen Prozessen mit anderen Menschen. Gemeinsam unterwegs, auf der Suche nach einer guten, gemeinsamen, kreativen Zukunft.

Und jetzt die Frage: Wie geht es dir damit? Wie geht es Ihnen? Können wir aus der Geschichte des Malers etwas lernen – und beim Machen denken? Oder anders gesagt: Können wir uns trauen, zuerst zu beginnen und dann im Prozess gemeinsam zu gestalten? Auch wenn das – für deutsche Verhältnisse – ziemlich schnell wäre.