Wörter sind wie Kleider, mit denen man die Welt anzieht
Manche Wörter tragen Cordhose, andere Hoodie oder Gucci. Eine kleine Modenschau der Kongress-Sprache im Blick der SlamRecorderin.
Wörter sind wie Kleider, mit denen man die Welt anzieht
James Krüss wäre im Mai 100 Jahre alt geworden. Das Zitat oben findet sich in einem seiner bekanntesten Werke: „Mein Urgroßvater und ich“. Boy sagt es, der Enkel. „Dann sind die Wörter ja Kleider, mit denen man die ganze Welt anzieht, Urgroßvater!“ und es ist, finde ich, mehr als ein Benennen der Welt, mehr als das Finden von Worten für das, was man sagen will.
Denn was wir benennen, das machen wir uns zu eigen, mit dem nehmen wir Kontakt auf. Und da fällt mir gleich noch ein anderes Kind ein. Eins, das ruft: „Der hat ja gar nichts an!“ Auch eine alte Geschichte. Noch älter als 100 Jahre. Hier zeigt ein Kind auf den König, der nackt ist. Und tatsächlich wollte keiner der Untertanen etwas sagen. Der Elefant im Raum war namenlos. Bis da ein Kind kam und aussprach, was zu sehen oder eben nicht zu sehen war.
Der Deep Dive mit Fokus auf die Bonität
„Und, was habt ihr heute an?“ denke ich, wenn ich meinen Laptop aufklappe. In der letzten Reihe, irgendwo am Rand einer Veranstaltung, wo gerade die erste Sprecherin die Bühne betritt. Was für eine Sprache höre ich? Welche Kleider werden dieser Konferenz angezogen? Finde ich das elaborierte Sprechen einer braunen Cordhose mit Karohemd, höre also von Fallmanagement, Lebensweltorientierung, Leistungsträgern und Hilfeplanverfahren oder spricht man hier von Cloud Computing, API, VPN und Firewall im legeren Hoodie mit Sportschuhen an den Füßen? Die Worte Courtage, Exposé, Bonität und Verkehrswert kommen in Prada und Gucci daher, und schon weiß ich, wo ich zufällig mein Wohnungsgesuch liegenlassen könnte.
Nicht zu vergessen die Basecaps tragenden Wörter Fokus, Synergien, Deep Dive, Low Hanging Fruits und all die anderen. Sie summen buzzwordig herum und mein Bullshit-Bingo füllt sich. Manchmal denke ich dann: „Leg doch mal die Kappe ab und mach dich nackig. Was willst du sagen? Nicht: Wer willst du sein?“
Oder: Wer bist du?
Was trägt man heute?
Manchmal muss ich diese Kleider erst einmal von allen Seiten sehen, manchmal bringt mich das auch nicht weiter. Weil ich die Wörter nicht verstehe. Und das macht gar nichts. Wenn ich die Wörter nicht verstehe, höre ich irgendwann nicht mehr auf ihren Inhalt, sondern auf ihren Klang. Dann werden aus Fachbegriffen plötzlich Reime. Dann hänge ich die Wortkleider hintereinander, wie eine Garderobiere die Jacken der Gäste vorm Konzert. Ich gebe ihnen eine neue Reihenfolge und dann entsteht ein Gedicht, ein Rap:
Pschyrembel – klinisches Gedicht
Butamirat, Fasciola
Genimplantat, Leuticula
Morbidität, Polaksyndrom
Reticulose, Hämatom
Defemisierung, Darmpolyp
Azidität, Varetastyp
Azidose, Diastase
Exitus und lange Nase!
So einen Teil gibt es eigentlich immer in meinen Slams am Ende einer Veranstaltung. Sozusagen Modenschau: „Was trägt man heute?“ Im Fall des freundlichen Sozialpädagogen-Bildes in Cordhose und Karohemd, das ich vorhin vor Augen hatte, wäre das so ein Rap rund um das Thema Sucht:
Und die Frage ist doch nicht, ob sich das lohnt
Sondern, ob da ein Mensch noch gern in seinem Körper wohnt
Und dann baut ein Hilfesystem oder
unterstützt die Süchtigen die Sucht zu versteh’n
als Hilfe zum „ich helfe mir selbst“
ohne Parallelstrukturen,
ein gemeinschaftliches Vorgehen
für Prävention und Intervention gegen Intoxikation
zur Risikoverminderung
und Folgenverhinderung
zur Verbesserung der Lebensqualität
damit es auch spät im Leben besser geht.
So liest es sich, wenn die SlamRecorderin was von Cordhosen versteht.
Was trägt der Sinn?
Jede Vortragende, jeder Speaker zeigt mit seiner Wortwahl viel mehr als nur Inhalte. Es ist so, wie Boy es sagt: Wir ziehen mit unseren Wörtern der Welt Kleider an.
Und ich sehe mir dann diese Kleider an, stundenlang. Und manchmal ist da ein überraschendes Ensemble aus ungewöhnlichen Farben in einer krassen Kombination aus Material, Oberflächen, Basic-T-Shirt und Hackenschuhen, das alle Blicke auf sich zieht. Das heißt dann vielleicht „Innovation“ oder „Sinnstiften“ oder …
Wenn Wörter tatsächlich Kleider sind, mit denen wir die Welt anziehen, dann ist ein zweiter Blick auf den Stoff bestimmt gut. Damit sichtbar wird, was darunter steckt. SlamRecording tut das. Spielerisch, empathisch, mit Humor, Mut und Herz. Das trägt man heute so.